„Wahrheit“ in Zeiten von „Fake News“?

Dr. Leyla Tavernaro-Haidarian, Forscherin an der Universität Johannesburg und Beraterin für die Vereinten Nationen in Wien


Erschienen Februar 2021 im Perspektivenwechsel Blog

Seit der sogenannten „vierten industriellen Revolution” (auch „Industrie 4.0“) sind Menschen, Maschinen und Produkte direkt und eng miteinander vernetzt. Werden wir beispielsweise beim Durchstöbern von Kommentaren in sozialen Netzwerken um einen Sekundenbruchteil langsamer, registriert unsere App bereits, dass wir lustige Hundevideos gesehen haben und zeigt uns in den Tagen darauf mehr von dem, was uns möglicherweise liegt. Es ist also kein Wunder, dass viele mit Angst oder Skepsis auf die allgemeine Verschmelzung der Bereiche des „digitalen” und „realen“ Lebens reagieren – Bereiche, von denen wir bislang glaubten, sie seien voneinander getrennt. Denn wenn Siri, Alexa und Co — scheinbar sogar ohne Empfang — stets zuhören, wer hört sonst noch mit? Und was wird aus all den Daten, die dabei gesammelt werden?

Parallel dazu kann beobachtet werden, dass das Konzept von „Wahrheit“ immer umstrittener wird. Wir befinden uns häufig in sogenannten „Echokammern” unserer eigenen Wahrnehmung. Dieser kommunikationswissenschaftliche Begriff bezeichnet den Effekt, dass wir meist Dinge lesen und hören, die unsere eigenen Ansichten immer weiter bestätigen, weil wir uns online ebenso wie offline bevorzugt mit Gleichgesinnten austauschen. Berichte über die Verbreitung von „Fake News” und Misstrauen gegenüber der Legitimität von Quellen oder den Motiven derer, die Informationen managen und womöglich manipulieren, erzeugen deshalb Ängste. Offensichtlich stehen wir vor einer sehr großen und komplexen Herausforderung. Sehr deutlich wird das derzeit anhand des Informationsdurcheinander rund um das Thema COVID19: Welche Information ist richtig, welche versehentlich und welche absichtlich falsch?

Allerdings – war „Wahrheit” tatsächlich jemals zugänglicher (oder weniger verzerrt) als heute? Wie war es früher? Wessen Wahrheit erzählte etwa die Journalistenmehrheit während des Apartheidregimes in Südafrika? Oder welche wahren oder unwahren Tatsachen vermittelten die europäischen Medien über die gesellschaftliche Rolle der Frau in den 1950er und 60er Jahren? Im Vergleich dazu: Welches Maß an Ungerechtigkeit wird heute durch die Handyaufzeichnungen etlicher Zeugen rassistischer Übergriffe erfolgreich aufgedeckt? Vielleicht sind es also nicht so sehr die Technologien, sondern vielmehr die Art und Weise wie wir mit ihnen umgehen, die uns zu denken geben sollten. Vielleicht geht es vor allem darum, wie wir miteinander kommunizieren – um unsere Absichten und unsere Beziehungen untereinander.

Diese Beziehungen haben wir schon seit den Zeiten vor der ersten industriellen Revolution nicht mehr wirklich hinterfragt. Der Umgang miteinander wird vielfach noch von einem Menschenbild aus dem 17. Jahrhundert geprägt, demzufolge Menschen grundsätzlich in Konkurrenz zueinander stehen und sich gegenseitig misstrauen (müssen). Diese Vorstellung basiert auf Gedanken des Philosophen Thomas Hobbes (1588-1679). Wir halten demnach unsere Angelegenheiten für unvereinbar mit denen Anderer und sehen somit unser gesellschaftliches Leben in erster Linie als einen Wettstreit von Interessen und Gedanken. Dies beeinflusst nicht nur unser demokratisches Handeln, sondern auch wissenschaftliche Debatten, journalistische Belange und nicht zuletzt unser Rechtssystem. Hier geht es oft gar nicht mehr um die Wahrheit sondern darum, wer sich den teuersten Anwalt leisten kann. Infolgedessen wird jede Möglichkeit einer gemeinsamen ernsten Tatsachenklärung durch persönliche, wirtschaftliche oder parteipolitische Interessen und unerbittlichen Kampfgeist an den Rand gedrängt.

Es ist jedoch auch ein ganz anderer Umgang von Menschen miteinander, mit dem Konflikt zwischen virtueller und realer Welt und vor allem mit der Wahrheit vorstellbar. In den Baha’i-Schriften ist die Rede von einer organischen Verbindung zwischen uns Menschen, unserer Umwelt und dem, was wir selber schaffen. Unser Innenleben gestaltet somit unser Umfeld und das Außen beeinflusst zutiefst unser Inneres. Daher bedarf es immer auch eines inneren, geistigen Wandels:

Wenn sich fünf Menschen zusammentun, um die Wahrheit zu erforschen, so müssen sie damit beginnen, dass sich jeder über seine einzelne besondere Lage hinwegsetzt und alle vorgefassten Meinungen fallen lässt. Um die Wahrheit zu finden, müssen wir von unseren Vorurteilen, unseren eigenen kleinlichen, alltäglichen Vorstellungen lassen; ein offener, empfänglicher Sinn ist nötig. Wenn unser Kelch vom Ich erfüllt ist, so ist in ihm kein Raum mehr für das Wasser des Lebens. Die Tatsache, dass wir meinen, selber im Recht zu sein und jeden anderen für im Unrecht halten, ist das größte aller Hindernisse auf dem Weg zur Einheit, und Einheit ist nötig, wenn wir zur Wahrheit kommen wollen, denn die Wahrheit ist nur eine.
Abdu‛l-Baha, Ansprachen in Paris 42:8

Das Potential eines solchen Perspektivenwechsels ist schier unendlich. Wenn wir Gemeinsamkeit und Verbundenheit in den Vordergrund stellen, sei es im privaten Alltag, im gesellschaftlichen Miteinander oder in der wissenschaftlichen Forschung, wird die Suche nach Wahrheit zu einer gemeinschaftlichen Anstrengung. Dadurch kann eine ethische Entscheidungsfindung in unparteiischer, gleichberechtigter Zusammenarbeit aller erfolgen. Dies ermöglicht uns, die gefundene Wahrheit als Höhepunkt eines Prozesses zu betrachten, zu dem sehr viele verschiedene, einander ergänzender Sichtweisen beigetragen haben – und nicht als die Auslegung einiger weniger Bevorrechtigter.

Bei genauerem Hinsehen erscheint logisch, dass „Wahrheit“ niemals direkt erfasst werden kann, sondern nur durch das Zusammenwirken und den Austausch vieler verschiedener Ansichten und Erfahrungen. Und es wird klar: Je mehr wir mit anderen zusammenarbeiten (bei Bedarf durchaus auch technologisch unterstützt), desto effektiver können wir kommunizieren, kooperieren und uns der Wahrheit in einer Klarheit nähern, die niemand allein erkennen kann. Dazu brauchen wir die innere Überzeugung, dass wir in erster Linie geistige Wesen sind, zutiefst miteinander und unserer Umwelt verbunden:

“Solange […] materielle Errungenschaften, naturwissenschaftliche Kenntnisse und menschliche Tugenden noch nicht durch geistige Vollkommenheiten, strahlende Eigenschaften und Kennzeichen der Barmherzigkeit verstärkt sind, bringen sie keine Frucht und kein Ergebnis; auch bewirken sie nicht der Menschheit Glück, welches doch das letzte Ziel ist. Denn obwohl einerseits die materiellen Errungenschaften und die Entwicklung der stofflichen Welt zu einem Wohlstand führen, der die gesteckten Ziele vorzüglich offenbart, drohen daraus doch andererseits Gefahren, schweres Unheil und gewaltige Not”.
Abdu‛l-Baha, Briefe und Botschaften 225:5