Veränderung als Chance

Dr. Leyla Tavernaro-Haidarian, Forscherin an der Universität Johannesburg und Beraterin für die Vereinten Nationen in Wien


Veränderungen im Sinne der Pluralität in unserer Gesellschaft und wie wir ein gemeinsames Identitätsverständnis/Werte und Grundlagen aufbauen können.

Als ich vor über 40 Jahren in Österreich zur Welt gekommen bin, sah alles noch ganz anders aus. Dies denkt sich sicherlich jede Generation, weil der Wandel der Zeit und die Veränderungen in unserer Gesellschaft die einzigen Konstanten sind. In meinem Fall zählte ich in Perchtoldsdorf zu den exotischsten Kindern. Heutzutage falle ich kaum auf. Man sieht Menschen unterschiedlicher Herkunft und hört regelmäßig verschiedene Sprachen. Ja sogar in Perchtoldsdorf.

Ich hatte also dank meiner persischen Mutter und meines österreichischen Vaters und später durch meine Zeit in den USA und in Südafrika eine vielseitige, vielschichtige und multikulturelle Identitätserfahrung. Ich bin aber keine Ausnahme. Jeder Mensch erlebt in seinem Leben mehrere überschneidende Identitäten. Man kann zum Beispiel gleichzeitig „Frau“, „Ärztin“, „Tochter“, „Schwester“, „Jüdin“ und „Wienerin“ sein.
Diese Einsicht prägt nun vermehrt auch die Geisteswissenschaften. Die Feministin Kimberley Crenshaw hat zum Beispiel das Konzept von “Intersektionalität” beschrieben, wobei sich gleichzeitig verschiedene Erlebnis-, Identitäts- und Diskriminierungskategorien überschneiden und unser Leben beeinflussen. Manchmal ändern sich diese Kategorien auch. Man war nicht Mutter und ist es nun auf einmal. Oder man war Mutter und ist es dann nicht mehr. Man war vielleicht Buddhist und versteht sich nun als Christ. Als kleines Mädchen in Niederösterreich habe ich mich selber als „dunkel“ und „persisch“ oder „anders“ empfunden. Als ich in Südafrika lebte, fühlte ich mich aber „weiß“und spürte mein Privileg.

Identitäten sind also nichts „Fixes“ und beschreiben nicht unser Wesen, sondern können als Konstrukt verstanden werden. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir die Erfahrung derer, die Diskriminierung erleben, ignorieren sollten. Im Gegenteil. Die tägliche Realität schwarzer Mitmenschen in den USA oder die von Flüchtlingen in Österreich und Europa ist sehr wohl reell. Aber die Kategorien welche diese Erfahrungen auslösen nicht so sehr.

In Südafrika fand ich die Philosophie von „Ubuntu“ sehr bedeutend, wonach jeder Mensch in erster Linie vom Wesen her als „Mensch“ betrachtet wird und alle anderen Identitäten dieser Gott erschaffenen „Menschlichkeit“ untergeordnet sind. Ähnliches finden wir in verschiedenen heiligen Schriften:

Aus den Bahá’í Schriften:
„Die Wirklichkeit des Menschen […] hat Er zum Brennpunkt für das Strahlen aller Seiner Namen und Attribute und zum Spiegel Seines eigenen Selbstes erkoren.“

Aus dem Christentum:
„Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn..“

Es definiert uns also in erster Linie unsere gemeinsame, geistige Essenz. Dennoch widerspiegelt der gesellschaftliche Diskurs dies nicht immer. Im Großen und Ganzen reden wir immer noch über „Österreichisch-sein“, „Europäisch-sein“, und wir verbinden damit ein Werteverständnis. Wir haben Angst, dass die Menschen, die zu Hundertern über die Grenze kommen unsere fortschrittlichen Werte, wie zum Beispiel die Gleichberechtigung von Mann und Frau, bedrohen.

Aber es gibt auch Vieles was nicht gar so fortschrittlich oder ausgereift ist an der hiesigen (ich nenne sie jetzt mal grob) „westlichen“ Kultur. Wir stellen z.B. immer noch den Wettbewerb an vorderste Stelle; wir kultivieren ein verantwortungsloses Konsumverhalten; unser blinder Individualismus – alle diese Dinge verursachen auch große Schäden, nicht zuletzt an unserer Umwelt.

Wenn also kein Land und keine Kultur vollkommen und ausgereift ist, wäre es dann nicht vorteilhaft, die Veränderungen in unserer Gesellschaft als Bereicherung zu betrachten und sie zu begrüßen? Sollten wir nicht voneinander lernen und versuchen eine gemeinsame Identität und gemeinsame Grundlagen zu entwickeln?

Aus den Bahá’í Schriften:
„Es rühme sich nicht, wer sein Vaterland liebt, sondern wer die ganze Welt liebt. Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger.“

„Ihr seid die Früchte eines Baumes und die Blätter eines Zweiges. Verkehret miteinander in größter Liebe und Eintracht, in Freundschaft und Brüderlichkeit […]

So mächtig ist das Licht der Einheit, dass es die ganze Erde erleuchten kann.“.