Unsere Welt im Wandel

mask

Seit wir durch Covid-19 aus unserem Alltag gerissen wurden und die Welt ins Wanken gebracht wurde, ist eine Entwicklung zu beobachten, bei der sich eine nähere Betrachtung lohnt. Der durch den Virus bedingte drohende Zusammenbruch des Gesundheitssystems stellte eine so große Herausforderung dar, dass viele zur Überzeugung kamen, dass diese nur durch ein geeintes Vorgehen aller Akteur*innen des Staates und der Zivilgesellschaft zu meistern sei. Politiker*innen aller Lager, Journalist*innen und Vertreter*innen von Interessensgruppen stellten sich geschlossen hinter die Strategien der Regierung. Energien, die zuvor regelmäßig für Kritik und politischen Vorteil aufgebracht wurden, waren nun auf ein gemeinsames Ziel hin gebündelt. Werte wie Einheit, Zusammenarbeit und Solidarität traten sowohl rhetorisch als auch praktisch in den Vordergrund der Koordination und erstreckten sich über das politische, soziale und wirtschaftliche Leben. Opferbereitschaft, Vertrauen und Zusammengehörigkeit verdrängten, wenn auch nur vorübergehend, das sonst vorherrschende Misstrauen und den Widerstand gegenüber politischen Entscheidungen.

Man mag sicher anzweifeln, ob diese Entwicklung tatsächlich Anlass für Optimismus hinsichtlich einer raschen Verbesserung der Qualität der demokratischen politischen Zusammenarbeit bietet. Man mag auch anmerken, dass es nicht immer ein Zeichen reifer Politik ist, wenn sachlich fundierte Kritik gar nicht erst geäußert wird. Doch unabhängig davon wurde eines jedenfalls deutlich: Quer über alle gesellschaftlichen Schichten und politischen Lager hinweg besteht ein Verständnis, dass bei manch gesellschaftlicher Herausforderung unser persönliches Interesse vom Interesse der Gesellschaft nicht getrennt werden kann und dass eine Lösung nur durch geeintes Vorgehen und durch Kooperation möglich ist.

Könnte dieser Moment also zumindest ein Hinweis darauf sein, in welche Richtung sich die moderne westliche Demokratie – so ausgereift sie uns derzeit auch erscheinen mag – noch weiterentwickeln könnte?

Das heute im Westen vorherrschende Verständnis von Demokratie – der „Herrschaft des Staatsvolkes“ – beruht auf einem primär wettbewerbsorientierten Ansatz. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Entwicklung des modernen Rechtsstaats im 18. und 19. Jahrhundert eng mit dem Hervortreten des Kapitalismus verwoben war. So prägte die Idee eines Wettbewerbs im freien Markt auch das Demokratieverständnis. Im Konkurrenzkampf zwischen unterschiedlichen Fraktionen, die jeweils unterschiedliche Ideologien und Interessen vertreten, sollten sich die besten Antworten auf politische Herausforderungen von alleine durchsetzen.

Das der Idee eines solchen politischen Wettbewerbs zugrundeliegende Weltbild geht von zentralen Grundannahmen über den Menschen und seine Beziehung zu anderen gesellschaftlichen Akteur*innen aus: Dazu zählen beispielsweise, dass die menschliche Natur tendenziell egoistisch ist und dass verschiedene Gruppen von Menschen unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse, Werte und Wünsche entwickeln, die wiederum miteinander in Konflikt stehen. Auf dieser Basis liegt daher der Schluss nahe, dass ein fairer und effizienter Weg, Politik zu organisieren, darin besteht, einen offenen wettbewerbsorientieren Prozess zu gestalten.

Mit Sicherheit stellt die auf solchen Prinzipien basierte heutige westliche Demokratie eine der bedeutendsten und wertvollsten Entwicklungen in der Menschheitsgeschichte dar. Im Vergleich mit den aristokratischen, autoritären oder theokratischen Regierungsformen, die ihr vorangingen, hat sie grundsätzlich gerechtere Gesellschaften hervorgebracht. Sie stellt auch eine nachvollziehbare Anpassung an die sozialen und ökologischen Bedingungen dar, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung – also in den frühesten Tagen der industriellen Revolution – vorherrschten. Zu einer Zeit, als die globale Bevölkerung noch relativ klein und isoliert war und ohne gesellschaftliche, technologische und wissenschaftliche Errungenschaften wie Elektrizität, Verbrennungsmotor, Flugverkehr, Rundfunkmedien, Internet, Massenkonsum und globale Marktwirtschaft auskam, waren globale gegenseitige Abhängigkeiten noch kaum ausgeprägt.

Doch wird die Idee eines Wettbewerbs, die wir heute als selbstverständlich betrachten, tatsächlich den Bedürfnissen der heutigen Welt gerecht? Sollte die Demokratie nicht parallel zum Fortschritt in den Wissenschaften und anderen Lebensbereichen stets weiterentwickelt werden? Wenn ja, was sind manche der grundlegenden Annahmen, auf die ein heute angemessenes Demokratieverständnis aufbauen sollte?

Es steht in der Tat außer Frage, dass sich die Welt und ihr Zustand seit der industriellen Revolution völlig verändert haben. Wir leben heute in einer Realität, in der die weltweite organische Verbundenheit und Abhängigkeit der gesamten Menschheit deutlicher als je zuvor sichtbar wird. Die Chancen und Herausforderungen der globalen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, in der ein einziger Virus innerhalb weniger Monate den ganzen Planeten auf den Kopf stellt, legen daher auch die Notwendigkeit politischer Organisationsformen nahe, die auf einem vollständigeren Bild menschlicher Natur und der Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Akteur*innen fundieren.

Und tatsächlich zeigen sowohl historische als auch aktuelle Beispiele, dass demokratische politische Organisation nicht zwangsweise auf der Idee des Wettbewerbs verschiedener Parteien aufbauen muss. So wählen heute in vielen südafrikanischen Orten die Mitglieder einer Gemeinde Personen ohne Fraktionszugehörigkeit in politische Gremien. Diese Institution soll dann den Interessen der gesamten Gemeinde dienen, indem die Mitglieder miteinander beraten, bis ein kollektiver Weg beschlossen wird. Die Annahme hier ist also, dass der freie Austausch unterschiedlicher Meinungen dann die beste Lösung hervorbringen kann, wenn die Entscheidungsträger Partikularinteressen hintanstellen. Auch einige Gemeinden in Vorarlberg bestimmen ihre Vertreter*innen in lokalen Wahlen nach einem Mehrheitswahlsystem aus der Gesamtheit der erwachsenen Bevölkerung ohne dass Parteien kandidieren. Demokratie ohne Wettbewerb ist demnach nicht nur denkbar, sondern wird bereits gelebt.

Zudem wissen wir heute, dass Menschen nicht nur egoistische Züge und Potenziale in sich tragen, sondern vor allem auch zu Altruismus fähig sind. Das stellen in Österreich und anderswo täglich tausende freiwillige Helfer*innen und ehrenamtliche Mitarbeiter*innen von Hilfsorganisationen sowie Menschen, die durch ihren Beruf einen bewussten Beitrag leisten oder in ihrer eigenen Nachbarschaft für das Gemeinwohl aktiv werden, unter Beweis. Sie verdeutlichen, dass Menschen in der Lage sind, ihr eigenes Wohlbefinden, dem Anderer unterzuordnen und ihr privates und berufliches Leben auf den Fortschritt der Gesellschaft insgesamt hin auszurichten.

Wenn wir also davon ausgehen, dass die Welt heute mehr denn je zusammengewachsen ist, wenn wir meinen, dass sich unsere Interessen nicht unbedingt gegenseitig ausschließen, sondern sich vielmehr ergänzen, wenn wir prinzipiell annehmen, dass der Mensch zu Altruismus und Kooperation fähig ist, welche Schlüsse können wir daraus zur Weiterentwicklung der Demokratie ziehen? Wie sieht ein Gesellschaftsmodell aus, welches an diesen menschlichen Potentialen Maß nimmt und sie dadurch weiter verstärkt?